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Über Sinn oder Unsinn der FIFA KLUB-WM, die derzeit in Marokko ausgetragen wird, kann man sicher diskutieren. Der mächtige Fussballweltverband folgt mit diesem Wettbewerb seiner globalen Mission (der Kampf ums runde Leder findet nicht nur in Europa statt) und erschliesst sich weitere Vermarktungsmöglichkeiten. So weit, so gut. 

Allerdings hat sich die ARD über die Sportrechteagentur SportA die (wohl nicht billigen) Übertragungsrechte gesichert und überträgt die beiden Partien des FC Bayern München mitsamt Expertengeschwätz. Da komme ich ins Grübeln…

Warum fühlt sich eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt berufen, Gebührengelder für diese – sportlich gesehen – eher minderwertige Veranstaltung auszugeben? Mannschaften wie Al Ahly Kairo, Auckland City oder der Halbfinalgegner des FCB, Guangzhou Evergrande aus China, haben sich m. E. bisher nicht als internationale Top-Klubs aufgedrängt (in der Anmoderation der Übertragung am Dienstagabend wurde sogar die Floskel von „den besten Mannschaften der Welt“ bemüht). Dass die FIFA eine Reklameveranstaltung zur Geldvermehrung durchführt, ist eine Sache. Dass die ARD dies mitfinanziert, ist eine andere!

„Für die ARD ist es ein schöner Erfolg, dass wir live im Ersten den FC Bayern München bei der FIFA Klub-WM begleiten können“, so die Verlautbarung des ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky (und lässt die Katze damit aus dem Sack!). Also doch – Hofberichterstattung für den bayerischen Vorzeigeklub. Muss das sein?

Die FIFA lässt sich diese Showveranstaltung (der wir immerhin das Freistossmauer-abstandsmarkierungsspray und die endlos animierte Aufarbeitung der Torlinienkameraüberwachung verdanken) zum Jahresende vergolden durch Sponsoren und Vermarktungsrechte und wird wiederum dem deutschen Rekordmeister nach dem Finalspiel für die erfolgreiche Teilnahme ein nicht unerhebliches Sümmchen zahlen* – u. a. indirekt finanziert durch die Gebührengelder der ARD.

Darf man also behaupten, dass die ARD damit GEZ-Gelder in ein sowieso schon millionenschweres Sportunternehmen aus München steckt? Darf man dann vielleicht sogar – aufgrund des ausschliesslichen Geldflusses an die Isar – von Wettbewerbsverzerrung für die Bundesliga sprechen? Und schliesslich: Wie sehen Wirtschaftsjuristen diesen Fall?

* Ich habe leider nirgendwo Angaben über die Höhe der Vermarktungsrechte und die Preisgelder für die teilnehmenden Mannschaften gefunden. Weiss jemand mehr?

Eigentlich sollte am Dienstagabend (27. August) der Fernseher nur nebenbei über den Verlauf den CL-Spiels PAOK Saloniki gegen FC Schalke 04 informieren – doch dann entpuppte sich das gesamte Abendprogramm des Senders ZDF mal wieder als Anschauungsunterricht für das Versagen der öffentlich-rechtlichen Sender.

20.25 – 23.00 Uhr: FUSSBALL-LIVE-ÜBERTRAGUNG AUS THESSALONIKI (Sportshow): Seit einem Jahr überträgt das ZDF die Spiele der UEFA Champions League und zahlt für die Übertragungsrechte pro Saison ca. 54 Millionen Euro [1], wofür der Sender mit Recht heftig kritisiert wurde. Die CL ist das Highend-Premium-Hochglanzprodukt der UEFA und wird uns verkauft mit Emotionen, Atmosphäre und packenden Flutlichtduellen der europäischen Spitzenmannschaften. Sehenswerter Fussball vom Feinsten also.

Natürlich konnte das ZDF nichts dafür, dass das Spiel der Schalker in Griechenland auf Anordnung des europäischen Fussballverbands vor leeren Rängen ausgetragen werden musste (‚Geisterspiel‘-Strafe für PAOK) und die Übertragung stimmungstechnisch an einen wochentags im Herbst bei Nieselregen ausgerichteten Freundschaftskick in untersten Ligen erinnerte. Doch beim Anblick des aufgrund der fehlenden Stadionbesucher bizarr wirkenden (von der UEFA vorgeschriebenen) Rituals mit Mannschaftsaufstellung und Hymne auf dem Rasen vor dem Anpfiff wurde einem schnell wieder bewusst, was die Champions League tatsächlich ist: eine durchorganisierte Marketingveranstaltung, um tolle TV-Bilder zu produzieren, die sehr viel Umsatz generieren.

Die Teams vor Anpfiff im leeren Stadion

Die Teams vor Anpfiff im leeren Stadion

In der Halbzeitpause: ZDF HEUTE JOURNAL (Nachrichtenshow): Mit der angemessenen Betroffenheit und ernster Stimme verkündet uns Claus Kleber, dass es wohl kein Zurück mehr gibt und Bomben und Marschflugkörper auf Syrien niedergehen werden. Ähnlich wurden uns u. a. schon die Kriege im Irak und Afghanistan angekündigt. Syrien ist übrigens das Land, von dem uns auch das heute journal in etwa so berichtet: „blutige Proteste gegen die Regierung“ (2011), „Assad-Regime zwingt das Land in einen Bürgerkrieg“ (2012), „unterschiedliche Rebellengruppen kämpfen gegen die Regierungseinheiten“ (2013).

Ich erwarte aufgrund der begrenzten Sendezeit der Nachrichtensendung keine detaillierte Berichterstattung, aber kann sich jemand erinnern, wann zur Primetime bei ARD oder ZDF ausführlich, differenziert und genau über Syrien (Ägypten, Libyen, etc.) berichtet wurde? Ich nicht.

23.00 – 24.00 Uhr – NEUES AUS DER ANSTALT (Comedyshow): Ach, meine ‚Anstalt‘ hat auch schon bessere Tage gesehen. Wo bis letztes Jahr der Bildungsbürger eine satirisch-sarkastisch-intelligente Bestätigung der eigenen kritischen Haltung erhielt (worüber man natürlich auch diskutieren kann), sorgen jetzt Blödelbarden wie Ingo Appelt, Monika Gruber oder Christian Springer für pseudopolitische Schenkelklopfer. Am 1. Oktober wird die Sendung in vorliegender Form letztmalig ausgestrahlt, die beiden Anchormen Priol und Barwasser widmen sich anschliessend anderen Projekten. Sollte man auf den Nachfolger gespannt sein?

00.00 – 00.30 Uhr – ILLNER INTENSIV (Unterhaltungsshow): Endlich Mitternacht, endlich die knallharte Auseinandersetzung mit Politikern. Knackige Fragen und konkrete Antworten zur besten Sendezeit! Vor der strengen Maybrit Illner zeigen die Herren Frank-Walter ‚wir-sind-dagegen-stimmen-aber-dafür‘ Steinmeier (SPD), Volker ‚es-wird-keinen-Schuldenschnitt-für-Griechenland-geben‘ Kauder (CDU) und Gregor ‚wir-machen-das-nicht-mit‘ Gysi (Die Linke) klare Kante und Profil zum Thema Eurokrise… (hüstel)

Man muss es mittlerweile als Verhöhnung des TV-Zuschauers betrachten, wenn zu diesem ernsten Thema die o. a. ‚ausgewiesenen Experten‘ ins Studio geladen und befragt werden und die Moderatorin nicht nachhakt, wenn die Parteienvertreter leere Sprechblasen in die Mikrofone aussondern. Einen Herrn Kauder, der die aktuelle deutsche Politik gegenüber den Schuldenstaaten mit den gängigen Klischees und Phrasen verteidigt, darf man in einem solchen Sendeformat durchaus damit konfrontieren, dass das übliche Modell der Austerität noch nie erfolgreich war (wie es uns leider Weltbank und IWF seit Jahrzehnten beweisen). Und man darf gerne einmal anmerken, dass sogar das theoretische Modell der Ökonomen keine absolute Gültigkeit mehr besitzt, weil dem gefeierten Vorreiter Professor Kenneth Rogoff bei seiner mathematischen Studie zu Staatsverschuldung und Wirtschaftswachstum Datenbank- und Formelfehler unterlaufen sind, wie dieser im Frühjahr diesen Jahres kleinlaut zugeben musste [2].

Wenn ARD und ZDF wissen wollen, wie man Politiker zum Schwitzen bringt und in die Mangel nimmt, sollten sie sich einmal das Format HARDtalk der BBC anschauen [3]!

Zusatzinfos:

[1] in den Medienberichten im April 2011 schwanken die Meldungen zwischen 50 bis 56 Millionen Euro

[2] „…Thomas Herndon, ein Doktorand der Universität Massachusetts, hatte sich die Daten von Rogoff und Reinhart noch einmal vorgenommen und kam zu anderen Ergebnissen. Laut seinen Berechnungen brach das Wirtschaftswachstum überhaupt nicht ein, wenn sich Staaten mit mehr als 90 Prozent des BIP verschuldeten. Er konnte zeigen, dass Rogoff und Reinhart einige Daten in ihrer Studie sehr merkwürdig gewichtet und einzelne Länder, die trotz hoher Schulden kräftig gewachsen waren, ausgeklammert hatten. Außerdem deckte Herndon einen peinlichen Fehler auf: Rogoff und Reinhart hatten eine Formel im Tabellenkalkulationsprogramm Excel falsch programmiert und deshalb wichtige Daten in ihren Rechnungen nicht berücksichtigt…“ (aus ‚Die Ökonomen-Seifenoper‘, Zeit Online vom 28. Mai 2013)

[3] Beispiel: HARDtalk-Interview mit Wolfgang Schäuble: „Greece default will not happen“ (Video)

'illner intensiv' mit Steinmeier, Kauder, Gysi (v.l.n.r.)

‚illner intensiv‘ mit Steinmeier, Kauder, Gysi (v.l.n.r.)

Nachdem vor einer Woche Teile der vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) in Auftrag gegebenen Studie Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation [1] veröffentlicht wurden, rauscht es wieder im Blätterwald. Während die Macher der Studie (u. a. Historiker der Berliner Humboldt-Universität) zusammenfassend von „systemischer Dopingforschung“ sprechen, titeln die Medien „systematisches Staatsdoping“ und kommentieren Themen (Dopingversuche an Jugendlichen, Doping im Fussball), die sich durch die aktuell veröffentlichte Forschungsarbeit (noch) gar nicht wissenschaftlich korrekt belegen lassen.

Das Problem dabei: die Debatte wird jetzt wieder nur kurzzeitig sehr laut geführt und hängt sich an den verfälschenden Tönen der Medienberichterstattung auf, anstatt auf die eigentlichen Inhalte der Studie einzugehen. Damit macht man es den Beschwichtigern und Leugnern des westdeutschen Dopingsystems einfach, die Arbeit der Forschungsgruppe zu diskreditieren. Anschliessend wird Aktionismus bewiesen, man bildet Kommissionen und Ausschüsse und präsentiert am Ende schön klingende Grundsatzerklärungen. Dann kann wieder Ruhe eintreten.

Wie einfach man es den Verharmlosern macht, zeigt der Verlauf des Talks in der Jubiläumsausgabe des Aktuellen Sportstudio [2]. Der Moderator Michael Steinbrecher konfrontiert Studiogast Franz ‚Kaiser‘ Beckenbauer mit dessen Kommentar im STERN vom Mai 1977.

Steinbrecher: „Sie schrieben damals, ‚medizinisch ist heute in der Bundesliga praktisch noch alles erlaubt, was den Spieler zu Höchst- und Dauerleistung treibt‘. Dann erklären Sie, warum Sie das für bedenklich halten und sagen dann ganz klar, ’nicht alles was heute mit Fussballprofis gemacht wird ist harmlos, die Grenzen zum Doping sind fliessend‘. Warum kann man im Nachhinein nicht offen darüber reden, wenn das früher offensichtlich so war?“

Beckenbauer (etwas verwirrt): „Das hab ich gesagt? Kann es sein, dass ich einen Doppelgänger habe? (Steinbrecher zeigt ihm die Kopie des damaligen STERN-Artikels) Ja… ich bin natürlich überrascht über dieses… Kunstwerk. Aber ich war immer der Meinung, Doping im Fussball macht keinen Sinn […]. Ich war zwanzig Jahre Profi. Ich wurde noch von keinem irgendwie genötigt, etwas zu nehmen, was ich nicht wusste, was es ist. Natürlich haben wir auch unsere Vitaminspritzen bekommen. Vitaminspritze – keine Ahnung. Der Doktor hat gesagt ‚Vitaminspritze‘ […].“ (Studiopublikum lacht)

Steinbrecher: „Also Sie haben etwas bekommen, wussten aber nicht, was drin war?“

Beckenbauer: „Ich bin kein Arzt. Natürlich haben wir auch unsere Vitaminspritzen bekommen. (zum lachenden Publikum) Ja, was ist da jetzt?“

Der zweite Studiogast Rudi ‚Tante Käthe‘ Völler springt dem stammelnden Kaiser hilfreich zur Seite, indem er darüber schwadroniert, dass Dopingkontrollen im Fussball erst in den achtziger Jahren durchgeführt wurden. Das Thema versandet. Es wäre wohl auch naiv zu glauben, die Lichtgestalt Beckenbauer dürfe durch einen ZDF-Moderator ungestraft vor laufenden Kameras gegrillt werden!

Dass von staatlicher Seite in Westdeutschland das Doping gefördert und mit Steuergeldern unterstützt wurde, ist auch kein ganz so neues Thema, wie es uns die aktuelle Medienerregung verkaufen will. Zwischenergebnisse der o. g. Forschungsarbeit wurden bereits in den Jahren 2010 bis 2012 öffentlich diskutiert. Jahre vorher gab es schon detaillierte Recherchen über das bundesdeutsche Dopingsystem: Doping im Spitzensport von Treutlein / Singler (2000) und Doping Dokumente – von der Forschung zum Betrug von Berendonk / Franke (1991). Aber diese Veröffentlichungen wurden durch entsprechende Ausschüsse gezogen bis sie weichgespült waren und die allgemeine Erregung nachliess. Keiner der westdeutschen Honorationen und Mediziner in den Verbänden und Institutionen musste Konsequenzen fürchten, während ostdeutsche Sportler und Trainer namentlich genannt und öffentlich geteert und gefedert wurden. Geschichte wird vom Sieger geschrieben. Und die Sieger verhindern weiter erfolgreich, dass Doping zum Straftatbestand erklärt wird!

Wer in kompakter Form gerne mehr über die Hintergründe, Inhalte und Probleme der Studie erfahren möchte, wird im Artikel „Ein zu frühes Urteil“ von Grit Hartmann (Berliner Zeitung vom 04. August 2013) bestens bedient!

Übrigens: Bei allen neu aufflammenden Diskussionen über Doping im Profifussball… eine Bundesligamannschaft ist garantiert völlig dopingfrei – meine Eintracht Frankfurt (Beweis: alle Videoaufzeichnungen der 1:6-Niederlage zum Saisonauftakt gegen Hertha BSC)!

Quellen: [1] Sechs pdf-Dateien sind auf der Seite des BISp abzurufen: Klick… [2] Gesprächsrunde im Aktuellen Sportstudio vom 10. August 2013 mit Mario Götze, Franz Beckenbauer und Rudi Völler: Kapitel „Einladung war wie eine Heiligsprechung“ in der ZDF-Mediathek

4.000. Mindestens. Soviele Postings hagelten auf das Eintracht-Forum herab. Und annähernd jeden einzelnen Kommentar zu den Vorkommnissen am vergangenen Samstag in Leverkusen habe ich in meinen freien Minuten durchgelesen. Die Stellungnahmen der FuFA (Fussball-Fanabteilung der Eintracht), der Ultras Frankfurt, des Nordwestkurven-Rates und des Fansprechergremiums. Die Reaktionen darauf. Die Diskussionen über mögliche Sanktionen. Der Frustabbau im „Spieltags“– und im „Die Bengalo-Zündler in unserem Block kotzen mich an“-Thread. Dazu Blogs, Presseartikel und Gespräche im Freundeskreis. Eine Menge Stoff für lange Winterabende…

Abgesehen davon, dass es diesbezüglich noch eine Menge zu klären gibt, ist es ärgerlich, dass dieses Thema so viel Positives überschattet. Daher – innehalten, ausatmen und den Blick auf Dinge rund um den Fussball richten, die für mich einen Teil der Faszination ausmachen.

Am Mittwoch wurden sie feierlich präsentiert: die ‚Säulen der Eintracht‘! Gemeinsam mit der Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main wurden die Fans zur Wahl aufgerufen, welche Spieler aus der Geschichte des Vereins die Stützpfeiler der U-Bahnstation Willy-Brandt-Platz zieren sollten. Das Ergebnis zeigt Euch Beve in seinem Blog: Link zur Fotogalerie! Über das Ergebnis der Abstimmung lässt sich natürlich diskutieren (ich hätte beispielsweise auch gerne Don Alfredo und Dr. Hammer in dieser Form gewürdigt), doch das Wahlmedium Internet und die Begrenzung auf die zwölf zur Verfügung stehenden Pfeiler können nicht jedem gerecht werden. Immerhin… auch der leider schon verstorbene ehemalige Eintracht-Trainer Jörg Berger („…der hätte auch die Titanic gerettet!“) bekam das Votum der Anhänger.

Da zur Einweihung einige der gewählten Spieler nach Frankfurt geladen wurden, nutzten die Macher des Eintracht-Museums um Matthias Thoma sofort die Gunst der Stunde und baten gestern Abend zwei der herausragenden ‚Säulen‘ zum exklusiven Gespräch über ihre Zeit im Stadtwald – das Podium betraten Anthony Yeboah und Bum-Kun Cha!

Das Publikum (aufgrund des zu erwartenden Andrangs war man in das Foyer des Stadion-Business-Bereichs umgezogen) tobte. Ich war sicher nicht der Einzige, der bei den stehenden Ovationen angesichts strahlender Erinnerungen kleine Freudentränen verdrückte. Dann übernahm Moderator Axel ‚Beve‘ Hoffmann die Leitung des Abends und die Show…

…wäre beinahe zu einem zähen Abend geworden: Frau Park, die koreanische Dolmetscherin für Bum-Kun Cha, war angesichts der wohl unerwarteten Menschenmassen und der frenetischen Stimmung im Saal nervöser als alle anderen Anwesenden zusammen und brachte kein Wort mehr heraus. Doch aus der ersten Reihe stürmte Chas Ehefrau mit dem poetischen Namen Oh Un Mi (‚Silberne Schönheit‘) die Bühne, schnappte sich das Mikrofon und übernahm für den Rest des Abends die Übersetzung in einer derart mitreissenden und unterhaltsamen Form, dass wir nachträglich – ich bitte um Verzeihung, werte Frau Park – über Frau Parks dem Lampenfieber geschuldeten Black-out dankbar sein konnten.

So kommentierte die silberne Schönheit einen von Bum-Kun Cha mit viel Kichern vorgetragenen längeren koreanischen Monolog, der irgendetwas mit deutschem Essen zu tun hatte und den natürlich keiner der Anwesenden verstehen konnte, mit den Worten: „Das hat mein Mann von Reiner Calmund… der redet auch ohne Punkt und Komma!“. Und bei der Erläuterung von Chas Namen (bedeutet übersetzt Tiger-Wurzel Auto) fügte sie hinzu: „Alle männlichen koreanischen Vornamen sollen Kraft vermitteln… und wenn es nicht so läuft, wird der Name einfach geändert“.

Bum-Kun Cha, einer der allerersten Asiaten in einer europäischen Liga. So wie ich ihn als Fussballer in Erinnerung habe, wirkte er auch gestern Abend. Ein feiner, hochanständiger Mensch. Aber dass er sich nicht mehr an die damaligen mannschaftsinternen Schnapszechereien in der Erlenbacher Kneipe erinnern konnte, die Axel Hoffmann investigativ aufdeckte, war wohl der Anwesenheit seiner Gattin geschuldet…

Anthony ‚Toni‘ Yeboah würde ich glauben, dass er einfach ein Trikot überzieht und zu alter Form auflaufen kann – die zwanzig Jahre sind scheinbar spurlos an ihm vorübergegangen. Vorab bedankte er sich gerührt für den tollen Empfang an diesem Abend – etwas in dieser Art hätte er auf all seinen Stationen im Fussball nie erlebt! Ich kauf’s ihm ab – wo sonst gibt es den Fanclub DIE ZEUGEN YEBOAHS? Einer der ‚Jünger‘ kam als Überraschungsgast auf die Bühne und präsentierte zu aller Erstaunen sein Rückentattoo: „Eintracht Frankfurt – 9 – Anthony Yeboah“!

Anthonys Erinnerungen an die alte Heimat Riederwald? „Auslaufen“. Und was meint er zu den Beschimpfungen, die er als farbiger Spieler damals ertragen musste? „Die haben sich halt geärgert, weil ich so gut war, aber nach dem Spiel wollten sie alle ein Autogramm von mir“.

Und dann, am Ende des Abends, kommt von dem wie immer erfrischenden Moderator Hoffmann endlich die ersehnte Mutter aller Fragen*: „Anthony, wie siehst Du das heute mit Heynckes, der damaligen Suspendierung und dem Ende Deiner Frankfurter Karriere 1995?“

Stille im Saal. Kein Kameraklicken ist mehr zu hören. Fünfhundert Eintrachtfans halten kollektiv den Atem an. Anthony nimmt das Mikrofon… schaut zu uns… schaut uns länger an… und sagt: „Ich wollte nicht gehen. Aber dann ging es nicht anders.“

Fussballer können so wunderbar diplomatisch sein!

* Zugegeben: die Über-Mutter aller Fragen lautet immer noch: Wo sind die Detari-Millionen?

Mehr über den gestrigen Abend auch bei stadtkindffm: Ein Abend im Museum

[Link zum Blogartikel über den Museumsabend mit Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein im November 2012]

Capital Gate Tower in Abu Dhabi (Quelle: Bildpixel / pixelio.de)

Capital Gate Tower in Abu Dhabi (Quelle: Bildpixel / pixelio.de)

Letzten November erzählte Jürgen Grabowski anlässlich des Abends im Eintracht-Museum von alten Zeiten, u. a. auch von den Trainingslagern in der Erbismühle im Taunus, wo die Spieler abends im Hotelrestaurant bei Bier und Zigarette zusammensassen und Skatrunden kloppten. Ein Blick in vergangene Zeiten… Heute reisen die Bundesligavereine im grossen Tross in exotische Gefilde, um dem deutschen Winter zu trotzen und sich penibel für die Rückrunde vorzubereiten.

Die Eintracht wählte eine Trainingsmöglichkeit im arabischen Raum und residierte im modernen Abu Dhabi. Angenehme 25 Grad Aussentemperatur, eine luxuriöse Unterkunft und beste Sportstätten versprachen optimale Bedingungen. Ob Rainer Falkenhain – Leiter der Lizenzspielerabteilung – bei der Ortswahl das gute Omen des letztjährigen Aufenthaltes (Doha) beschwören wollte oder ob unsere hoffnungsvollen Jung-Adler bereits auf die WM-Teilnahme 2022 in Katar vorbereitet werden sollten, beantworten uns zwei Fans, die Jahr für Jahr ihren Urlaub opfern, die Eintracht ins Trainingslager begleiten und mit kundigem Auge und spitzer Feder im Forum täglich frisch von den Ereignissen vor Ort berichten. Auch Land und Leuten widmen sich die beiden, so dass wir interessante und äusserst unterhaltsame Erzählungen geliefert bekommen.

Mein herzlichsten Dank also an Exil-Bischemer und Enkhaamer für die tollen Reportagen aus der Kunstwelt Abu Dhabis, die ich für alle Interessierten nachfolgend in chronologischer Reihenfolge verlinke, bevor sie in den Untiefen des Eintracht-Forums verloren gehen!

Trainingsauftakt (06.01.)

Vormittagstraining (07.01.)

Nachmittagstraining (07.01.)

Vormittagstraining (08.01.)

Nachmittagstraining (08.01.)

Vormittagstraining (09.01.)

Nachmittagstraining (09.01.)

Tagesbericht (10.01.)

Vormittagstraining (11.01.) mit Testspiel-Live-Ticker

Abschlusstraining (12.01.)

„It’s over now“ – Fazit zum Trainingslager

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[Weiterführende Links: Kicken im Wüstensand – die Berichte vom Wintertrainingslager 2012 in Doha]

12.12.2012 – ein Datum, wie geschaffen für feierliche Einweihungen, Geburten oder den hochzeitlichen Gang auf’s Standesamt. Ein Datum, an das man gerne zurück denkt.

Vielen von uns wird der 12. Dezember jedoch als trauriger Tag in Erinnerung bleiben: am gestrigen Mittwoch vollführten DFB, DFL und die Vereine des deutschen Profifussballs in einem Frankfurter Kongresssaal einvernehmlich und wissentlich den Anfang vom Ende der bisherigen, einzigartigen Fankultur in unseren Fussballstadien.

Zugegeben: die Zäsur findet bereits seit geraumer Zeit statt – schleichend und von den meisten unbemerkt. Doch mit der gestrigen Beschlussfassung über das Konzept Sicheres Stadionerlebnis wird jetzt offiziell und verbindlich ein Handlungsspielraum eröffnet, der – wenn’s blöd läuft – am Ende nur Verlierer haben kann.

(Quelle: Rainer Sturm / pixelio.de)

(Quelle: Rainer Sturm / pixelio.de)

Zum Verständnis – der Begriff „Fankultur“ beschreibt eine sehr komplexe Angelegenheit und Fussballfans sind keine homogene Masse (allein schon das zeigt, dass einige der Massnahmen des Sicherheitskonzeptes völlig an den Realitäten vorbeigedacht sind). Es gibt viele, die auf die günstigen Stehplatzangebote angewiesen sind, es gibt viele, die in der Gruppe ihre Mannschaft lautstark unterstützen wollen, es gibt viele, die die Mühen der Auswärtsfahrten auf sich nehmen und es gibt viele, die mit Kreativität den gegnerischen Anhängern zeigen wollen, wer der „Herr im Hause“ ist. Und es gibt natürlich auch diejenigen, die gegen den Ausverkauf des Fussballs oder das Establishment rebellieren wollen und / oder durch pubertäre Hormonausschüttungen oder Alkoholkonsum Grenzen überschreiten – wie eigentlich überall, wo sich Menschenmassen einfinden.

All diese Leute – übrigens männlich wie weiblich, jung wie alt – sind Zielsubjekte des Strategiepapiers, das jetzt abgesegnet wurde. Wir alle, die wir dazugehören, müssen uns fragen, warum wir augenscheinlich als Gefahr in den Stadien betrachtet werden…

Die Diskussion über die Fragwürdigkeit des Sicherheitskonzepts muss man auf zwei Ebenen führen: Die eine Ebene ist das politische Momentum, über das ich bereits in anderen Blogartikeln zum Thema (Sammlung aller Artikel) nachgedacht habe. Die Motivation der Politiker und der vorauseilende Gehorsam der Medien, die Fussballstadien zu Orten von Gewaltexzessen aufzubauschen, wird an vielen Stellen im iNet fein durchleuchtet. Stellvertretend dafür das Interview mit dem Polizeiwissenschaftler Thomas Feltes auf tagesschau.de („…einige Innenminister versuchen, sich auf dem Rücken von Polizeibeamten und Fans zu profilieren…“) oder die Aussage unseres kenntnislosen, dafür jedoch umso populistischer auftretenden Boris Rhein (Innenminister des Landes Hessen): „Die Gewalt, die um den Fussball herum und in den Stadien stattfindet, muss uns ernste Sorgen machen“ (Hessenschau, 12. Dezember 2012)!

Die zweite Ebene zur Debatte bilden die Punkte des DFL-Papiers (hier die überarbeitete, offizielle Version für den 12.12. und die sechzehn Änderungsanträge als .pdf-File). Zwar wurden im Vergleich zur ursprünglichen Version, die für den deutschlandweiten Aufruhr sorgte, einige Änderungen vorgenommen und die Berücksichtigung der Fanbelange wird deutlicher betont, doch sind strittige Punkte (u. a. Vollkontrollen, Sippenhaft, Kartenkontingentbegrenzungen) weiterhin vorhanden, wenn auch ’softer‘ formuliert. Experten kritisieren weiterhin die teilweise unwürdigen und rechtlich bedenklichen Vorschläge.

Das Papier zeigt in der Gesamtheit zwei Problemfelder, die m. E. langfristige Folgen haben werden:

1. Die Definition von ‚Spielen mit erhöhtem Risiko‘ und die daraus abzuleitenden Vorkehrungen werden den jeweiligen Heimvereinen überlassen (siehe §32 des Strategiepapiers). Den Spielraum für entsprechende Massnahmen hat beispielsweise schon der FC Bayern München für sein Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt genutzt – obwohl es keine Belege für etwaige Gefahren gab (siehe Blogartikel „Die McDonalds-Bundesliga“)! Wann verstösst ein Spruchband gegen die Regularien? Wann und warum werden pauschal Fans von Besuchen der Auswärtsspiele ausgeschlossen? Das Sicherheitskonzept hat Schwachstellen, die Auslegungssache sind und willkürlichen Handlungen Raum bieten.

2. Wenn es jemand tatsächlich darauf anlegt, wird keine der Massnahmen des Papiers Verstösse verhindern können (z. B. auch ausserhalb der Stadien). Durch den vorschnellen Katalog hat man sich jedoch gegenüber den (absurden) Forderungen der Politik um weitere Gesprächsmöglichkeiten gebracht – der Fussball wurde dadurch schon jetzt leichtsinnigerweise ausgeliefert und wird bei Bedarf wiederum als Spielball von anderweitigen Interessen dienen.

Wie die Fanszenen auf die gestrige Enttäuschung reagieren werden, bleibt Spekulation. Die Aktion „12:12 – ohne Stimme keine Stimmung“ und die Petition „Ich fühl‘ mich sicher“ (mit bereits über 73.000 Unterschriften!) sorgen für deutschlandweite Aufmerksamkeit, konnten aber die voreilige Abstimmung über das Sicherheitskonzept nicht verhindern. Die Hardliner in der Politik lauern derweil auf frustbedingte Ausbrüche, um die richtig dicke Keule auszufahren! Kommt es aus verschiedensten Gründen zur Eskalation, steuern wir kurzerhand gen Italien (Kurzform: Verbote, Repressalien => leere Ränge), anstatt schrittchenweise die gerne zitierten ‚englischen Verhältnisse‘ zu bekommen.

Eines sollte jedoch jedem Fussballfan und Otto Normalverbaucher langsam klar werden: es geht nicht allein um die überzogende Gewaltdebatte, sondern um gesellschaftspolitische Aspekte! 

[Weiterführende Links zum Thema: abschliessende Stellungnahme zur Beschlussfassung am 12.12. durch den Vorstand der Eintracht Frankfurt Fussball AG | Fanaktionsseite 12doppelpunkt12.de mit Online-Petition | div. Artikel auf stadionwelt.de]

Ein Vorschlag aus Polen für die Hardliner der aktuellen Sicherheitsdebatte, wie man marodierendes und brandschatzendes Barbarenvolk (aka „sog. Fussballfans“) unter Kontrolle bekommt: Warum so viel Mühe mit dem Strategiepapier Sicheres Stadionerlebnis, wenn es doch das Tribünenmodell Polska Anti-Randalski gibt!

Die Gästetribüne

Da kommt Stimmung auf

Kein Witz – diese vollumgitterte Tribüne existiert tatsächlich! Mangels leerer Kassen spart sich der kleine polnische Verein MKS Orzel Przweworsk teure Ordner und hat sich stattdessen für diese aberwitzige Lösung entschieden. Die Gästefans werden bei Ankunft hineingeleitet, dann wird der Käfig dichtgemacht. Rainer Wendt (Scharfmacher und Vorsitzender DPolG) hätte seine wahre Freude daran!

Hat mal jemand die eMail-Adresse der EU-Menschenrechtskommission?

[Anmerkung: Dieses Fundstück entstammt der TV-Dokumentation „Verrückt nach Fussball – Groundhopping“, die am 22. Oktober 2012 auf ZDFinfo ausgestrahlt wurde. Empfehlenswert ist der 45-minütige Teil 2 der Doku, der die Entstehung der Ultra-Szene erläutert und die aktuelle Fan-Situation in Italien zeigt: „Verrückt nach Fussball – Teil 2“]

Mario Barth (Comedian), Roland Berger (Berater), Sarah Connor (Sängerin), Frank Elstner (TV-Moderator), David Garett (Violinist), Dietmar Hopp (Unternehmer), Maria Höfl-Riesch (Skirennläuferin), Wolfgang Joop (Modedesigner), Wladimir Klitschko (Profiboxer), Lady Bitch Ray (Rapperin), Udo Lindenberg (Rockmusiker), Carmen Nebel (TV-Moderatorin), Katharina Saalfrank (Super-Nanny), Til Schweiger (Schauspieler), Richard von Weizäcker (Bundespräsident a. D.), Mesut Özil (Fussballprofi)…

Was sich liest wie die Gästeliste einer x-beliebigen Charity-Veranstaltung, ist ein Teil der Prominenten, die sich an der Werbekampagne für die BILD-Zeitung beteiligt haben (komplettes Verzeichnis siehe unten). Ist zwar ein alter Hut, sollte aber immer wieder hervorgeholt werden. Denn was die BILD-Zeitung momentan mal wieder betreibt, ist – um deutlich zu werden – eine Sauerei.

Ich hätte mich hier im Blog gerne mit einem angenehmeren Thema beschäftigt und nicht schon wieder die Vorgänge rund um die sportpolitische Auseinandersetzung mit dem Strategiepapier „Sicheres Stadionerlebnis“ auf dem Tisch. Aber das aktuelle Vorgehen des Massenblattes gegenüber der Eintracht Frankfurt und deren Anhang bedarf einer Kommentierung. Über die Qualität der BILD-Berichterstattung soll es dabei nicht gehen, vielmehr ist die Motivation, die dahintersteckt, eine Betrachtung wert.

Nur zur Erinnerung: Eintracht Frankfurt gehört zu den wenigen Klubs, die sich deutlich, sachlich und konstruktiv gegen die Vorschläge der DFB-/DFL-Sicherheitskommission ausgesprochen haben (Infos zum Statement der Eintr. Frankfurt Fussball AG). Da war es schon auffällig, dass die BILD-Zeitung nach dem Spiel Bayern München gegen Frankfurt als Hofberichterstatter der Hardliner Details aus dem Polizeibericht bewusst falsch darstellten, um die von Fanvertretungen und auch Rechtsexperten heftig kritisierten Körperkontrollen nachträglich (und im Sinne von FC Bayern, Verband und Politik) zu rechtfertigen. Gegenwind kam aus allen Ecken, so dass BILD um die Veröffentlichung einer Richtigstellung nicht umhinkam (siehe dazu: Messerwisser auf bildblog.de).

Einen Lerneffekt auf die BILD-Redaktion hatte das jedoch nicht: in dieser Woche erschien der übliche Jahresbericht der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) – eine Statistik der Saison 2011/12 über Polizeieinsätze und Strafverfolgung ohne Nennung einzelner Vereine – mit der Kernaussage „Anstieg der Fangewalt in den deutschen Profifussballligen“. Dass diese Interpretation der Zahlen bedenklich und nicht haltbar ist, beschreiben u. a. das Magazin 11 Freunde (Link zum Artikel), SPON und FAZ. Was aber macht BILD daraus?

„Eintracht-Fans Platz 1 in der Gewalttabelle des deutschen Fussballs!“, titelt das Schmierblatt am 21. November scharf, obwohl die Zahlen des ZIS-Berichts diese Aussage gar nicht zulassen. Und um noch einen draufzusetzen, legt BILD am gestrigen Donnerstag nach: unter der Überschrift „Gewalt-Fans prügeln im Kokain-Rausch“ füllt die Zeitung die bekannt wenigen Zeilen mit Falschdarstellungen, um den rabiaten Angriff gegen die Eintracht-Fans und den Verein fortzusetzen.

Schlagzeile auf bild.de (22. November 2012)

Man muss das Vorgehen der BILD-Zeitung in diesem Fall mittlerweile in Verbindung setzen mit der für den 12. Dezember anberaumten nächsten Sicherheitskonferenz des DFB mit den Vereinen. Die Politik macht derweil Druck und mahnt härtere Massnahmen gegen Stadionbesucher an. Es scheint nicht weit hergeholt, dass man sich darauf geeinigt hat, via BILD-Zeitung die gegensätzlichen Lager (Befürworter / Gegner der Strategiepapiers Sicheres Stadionerlebnis) zu spalten und die Kritiker in Argumentationsnot zu bringen. Bleibt zu hoffen, dass das in dieser offensichtlichen und plakativen Form nicht gelingt – eine sachliche Diskussion wäre angebrachter und zielführender.

Die BILD-Zeitung und andere Medien fallen bereits seit geraumer Zeit durch eine völlig überzeichnete, polarisierende Berichterstattung über die Fans im deutschen Fussball auf. Aus Protest gegen die vom DFB geplanten Massnahmen und die Behandlung durch die Presse werden an den kommenden drei Spieltagen deutschlandweit in den Profiligen die Fankurven jeweils nach Anpfiff der Partien zwölf Minuten und zwölf Sekunden lang schweigen (Aktion 12:12 – der zwölfte Mann wehrt sich)!

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Weiterführende Links: Liste „Wer wirbt für BILD?“ | Bildblog.de (kritische Medienbeobachtung) | Jahresbericht der ZIS 2011/12 (.pdf-File) | Ohne Stimme keine Stimmung (12:12-Protest)

Tage hat es gebraucht, um einigermassen sachlich über das Thema schreiben zu können. Die Herren vom DFB, der bayrischen Polizei und des FC Bayern München haben es schon fein hinbekommen: eine Demonstration der Macht und Geringschätzung gegenüber den Fussballfans. Ein Fingerzeig, wie man in den Entscheidungsgremien über Dinge wie Rechtsstaatlichkeit oder Diskussionsprozesse denkt. Und Teile unserer Medienlandschaft geben derweil den Hofberichterstatter – ob aus Kalkül oder aus Dummheit…

Vergangene Woche wurde durch den DFB die Partie der Eintracht Frankfurt in der Münchner Allianz-Arena zum Spiel mit erhöhtem Sicherheitsrisiko eingestuft, obwohl es in all den vergangenen Jahren in München nie zu bedenklichen Vorfällen durch Frankfurter Fans gekommen ist und auch letzten Samstag nichts darauf hindeutete.

Zu den Massnahmen, um das Bayernstadion vor dem herbeigeschworenen Angriff durch die Horden vom Main zu schützen, zählten u. a. neben dem Einsatz des besonders martialisch auftretenden Unterstützungskommando (USK) der bayrischen Polizei auch Vollkörperkontrollen der Zuschauer in eigens dafür aufgestellten Zelten am Gästeeingang. Diese willkürlichen Durchsuchungen – die auch umstrittener Inhalt des Strategiepapiers Sicheres Stadionerlebnis sind – werden von verschiedenen Expertenseiten als rechtswidrig betrachtet. Dass diese Kontrollmassnahme ausgerechnet gegen die Frankfurter Anhänger angewandt wird, deren Verein explizit Kritik am DFL-Strategiepapier erhoben hat… nun ja, wen wundert’s?

Nach dem Spiel hatte es der FC Bayern eilig, die frohe Botschaft auf der eigenen Homepage zu verkünden (s. Abb.). Alles richtig gemacht, Bürgerkrieg verhindert! Zitat von der Vereins-Webseite: „DFB und Polizei befinden FCB-Massnahmen für gut“.

Homepage FC Bayern München (Ausschnitt)

Als PR-Fachmann kann man aus beruflicher Sicht die Kommunikationsstrategie des FC Bayern nachvollziehen, auch wenn die Haltung der Münchner äusserst bedenklich ist (siehe Artikel Erniedrigung vor dem Münchner Stadion, neues-deutschland.de vom 13. November 2012). Was jedoch anschliessend u. a. die BILD-Zeitung, die Nachrichtendienste dpa und sid oder die Süddeutsche Zeitung aus der Sache machten, ist mehr als ein Ärgernis.

Zitat BILD-Zeitung vom 11. November 2012:

[…] „Bayern-Sprecher Markus Hörwick verteidigt die Massnahme: ’30 bis 40 Anhänger wurden strenger kontrolliert, mussten maximal ihre Jacken ausziehen‘. Dabei wurden laut Polizei 22 Messer und ein Pfefferspray gefunden“ […]

Dazu kommentiert der BILD-Blog kritisch: „22 Messer wären eine ganze Menge, wenn sie bei der näheren Kontrolle von 30 bis 40 Anhängern gefunden worden wären, wie man es aus dem BILD-Bericht herauslesen könnte. Stattdessen fand die Polizei die aufgezählten Gegenstände bei ihren Kontrollen im gesamten Stadionbereich, wie Sprecher von Polizei und FC Bayern heute […] bestätigten“. Der vollständige Artikel auf bildblog.de: Messerwisser. Über die Funde wurde bis dato übrigens nichts Genaueres mitgeteilt. Bei 70.000 Zuschauern kann es durchaus passieren, dass der eine oder andere Besucher vergisst, vor dem Stadionbesuch sein kleines Schweizer Taschenmesser vom Schlüsselbund zu lösen. Und in wievielen Damenhandtaschen wohl Pfefferspray zu finden ist? 

Doch zu spät – die Artikel waren online oder bereits gedruckt und die Allgemeinheit wetzte die Messer. Die Online-Kommentare gossen eimerweise Gift und Galle über die ‚kriminellen‘ Eintrachtfans und die – für alle Stadiongänger – bedenklichen Kontrollmassnahmen wurden gelobt und für richtig befunden. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell der deutsche Michel im Fahrwasser der BILD-Zeitung dazu bereit ist, Errungenschaften der Aufklärung und Rechtsstaatlichkeit über Bord zu schmeissen…

Das traurige Zwischenfazit: Während viele Vereine und Fanvertretungen, sowie Experten der Polizei und Rechts- und Sozialwissenschaften den Dialog empfehlen und gemeinsame Ergebnisse erarbeiten wollen, hauen unterdessen die Hardliner ohne Rücksicht auf Argumente provozierend dazwischen. Das Dilemma ist, dass auf den gegensätzlichen Seiten gänzlich unterschiedliche Wahrnehmungen bestehen. Warum ist das so?

Ein Gedankengang

(Sonore Stimme aus dem Off) „Seit einer Weile schon rührte Jendrizcek in seinem Espresso Frappuccino Light blended beverage, während seine Augen konzentriert den Zeilen auf dem iPad folgten. Ab und an hob er den Blick und schaute sich lächelnd im Café um: Schauspieler und Tänzerinnen, Schriftsteller und Dichter sassen alleine, zu zweit oder in Gruppen an den Tischchen, lasen rauchend die Displaydarstellungen ihrer Tablets, unterhielten sich oder suchten die Aufmerksamkeit der Bedienung, um eine neue Bestellung aufzugeben. Immer wieder öffnete sich die Eingangstür und präsentierte weitere bekannte oder unbekannte Gesichter aus dem Universum der Wiener Künstler- und Intellektuellenszene. Gab es Eindrücklicheres im Leben, als sich den ganzen Tag im gut besuchten Starbucks am Karlsplatz in dieser vielversprechenden Atmosphäre der Bohème versinken zu lassen? Plötzlich zuckte Jendrizcek erschrocken zusammen: Sein iPhone meldete surrend den Eingang neuer Nachrichten…“

Klingt etwas seltsam und unpassend, oder?

Vor siebzehn Jahren beschrieb der US-amerikanische Professor George Ritzer seine soziologischen Beobachtungen mit dem Begriff der „McDonaldisierung der Gesellschaft“ [1]. Anhand des Geschäftsmodells der expandierenden Fast-Food-Kette erklärte er die tiefgreifenden Veränderungen, die unsere Industrienationen durch Optimierung, Standardisierung und Effizienz erfahren (siehe auch „Der Informationscrash“ von Max Otte [2]) . Kunden sind nicht mehr König, sondern zahlende Abnehmer. Alles, was den laufenden Geschäftsbetrieb stören könnte, wird entfernt oder den gewünschten Prozessen angepasst (auch die Kunden).

Das Beispiel des Hamburgerbräters hat mittlerweile sämtliche Bereiche unseres Lebens durchzogen – als Konsequenz müssen wir nun beispielsweise Service-Hotlines, Discountmärkte, Polit-Talkshows, schlechte Stadioncaterer, Pay-Clever-Karten oder infantiles Social-Media-Gesäusel durch Unternehmen ertragen („Wir berichten: Markus Lanz übernimmt Wetten, dass…? Was meinen Sie dazu?“). Wir sortieren heute ohne Murren als Kunde im Getränkegrosshandel selbst die leere Pfandware zurück und freuen uns wie Kinder über den Gratis-Flaschenöffner beim Kauf der überteuerten Bierkiste. Fachwissen wird kaum mehr benötigt, dafür steigt jedoch die Zahl der Jobs mit geringfügigem Einkommen. Die zahlreichen BWL-Studenten, die seit den Achtzigern Jahr für Jahr unsere Wirtschaft überfluten, sorgen in Werbe- und PR-Agenturen, in den Marketing- und Vertriebsabteilungen der Unternehmen für den Fortbestand dieses Gesellschaftswandels. Und weil das eigentlich alles zum Heulen ist, wird jedes noch so geringe Ereignis zum Event erklärt, auf dass wir uns daran erfreuen (siehe auch „Von Priestern und Stehgeigern“ in diesem Blog)!

Bundesligafussball… das war bisher für mich wie ein Wasserhäuschen (für Nichthessen: Kiosk, Trinkhalle), wo Alt und Jung hinkamen, um Zigaretten oder Colafläschchen zu kaufen, die Trinker Stehbier zechen konnten und der Angestellte auf dem Weg zum Büro kurz Halt machte, um seine Zeitung zu holen. Bunt gemischt und lebensnah. Doch jetzt kommt der genormte Verkaufswürfel mit Rundumverglasung, Allwetterdach und integrierter Bockwursterhitzungsanlage. Die Stehtrinker werden von der Polizei verscheucht und Kinder, die für eine Fünfzig-Cent-Bestellung zehn Minuten brauchen („… hm… und was kosten die Brausestäbchen?“), stören den regen Geschäftsverkehr. Willkommen in der McDonalds-Bundesliga!

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[Empfehlenswerte Links zum Thema: „Wir können, wenn wir wollen“ auf publikative.org | „Kontrollen waren Eigentor“ auf derwesten.de] 

[1] George Ritzer: „The McDonaldization of Society“. Thousand Oaks 1995, S. 1 f.

[2] Max Otte: „Der Informationscrash“. Econ 2009, S. 221 ff.

Wie erklärt man einer jüngeren Generation das Gefühl, das unsereins befällt, wenn wir die Namen Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein hören. Wie beschreibt man, dass diese beiden Spieler für eine grosse Zeit der Eintracht Frankfurt stehen, an die wir sehnsüchtig zurückdenken…

Als die beiden verdienten Spieler anlässlich des fünften Geburtstags des Eintracht Frankfurt-Museums am Donnerstagabend das Podium betraten, erhoben sich die anwesenden Besucher respektvoll und spendeten langanhaltenden Applaus. Als dieser verklungen war, eröffnete Moderator Axel ‚Beve‘ Hoffmann das Gespräch mit dem sinnbildlichen Ausspruch: „Ich weiss gar nicht, womit wir zuerst anfangen sollen“.

Und damit hat er Recht. Die Karrieren der beiden Fussballer, die Mitte der sechziger Jahre erstmalig das Adler-Trikot überstreiften und dann über fünfzehn Jahre die Geschichte der Eintracht prägten, sind prallgefüllt mit Erlebnissen, für deren Schilderung der Abend im Museum bei weitem nicht gereicht hätte. Alleine die bekanntesten Höhepunkte ihrer sportlichen Laufbahn (zwei DFB-Pokalsiege in den glorreichen siebziger Jahren, Weltmeister 1974 mit der deutschen Nationalmannschaft und der furiose UEFA-Cup-Sieg 1980) können ganze Bücher füllen!

Bernd Hölzenbein, Axel Hoffmann und Jürgen Grabowski (v.l.n.r.)

Und so plauderten der ‚Grabi‘ und der ‚Holz‘ gutgelaunt über ihre Anfänge bei der Eintracht, über ihre Trainer und WM-Teilnahmen, über Mannschaftskollegen und ihren heutigen Alltag, während das Publikum andächtig lauschte und der eine oder andere der Anwesenden einen dicken Klops der Rührung hinunterschlucken musste. Denn Grabowski und Hölzenbein repräsentieren nicht nur eine glanzvolle Ära der Eintracht Frankfurt, als die launische Diva vom Main mit technisch wunderschönem Fussball jeden Gegner der Welt schlagen konnte, um am darauffolgenden Wochenende gegen den Tabellenletzten zu verlieren. Eine Zeit, als Franz Beckenbauer lieber die Punkte per Postkarte nach Frankfurt senden wollte, als mit seinen Kollegen vom FC Bayern München im Waldstadion unterzugehen.

Die beiden Spieler, die auf dem Podium Anekdoten erzählten, waren für viele von uns Vorbilder, als wir selbst begannen, auf den Bolzplätzen und in den Vereinen dem Ball hinterherzujagen. Tolle Fussballer, bescheidene Menschen. Und sie stehen auch für eine Zeit im Fussball, die so nie mehr zurückkehren wird: Trikotwerbung war bei Europapokalspielen nicht zugelassen, Schienbeinschützer waren noch keine Pflicht und die dritten Programme übertrugen live und ohne von Werbeblocks umrahmte Expertenrunden um 17 Uhr die UEFA-Cup-Partien in der osteuropäischen Fremde! Spieler blieben ‚ihr ganzes Leben‘ bei einem Verein (O-Ton Grabowski: „Warum hätten zum Beispiel Overrath oder Flohe Köln verlassen sollen?“), ein Schiedsrichter kassierte eine Sperre wegen Spielerbeleidigung und die Trainingslager wurden im Taunus abgehalten, statt in der arabischen Wüste. Heute ist das anders…

Mit der Veranstaltung „Tradition zum Anfassen – Grabi und Holz“ ist dem Eintracht Frankfurt-Museum erneut ein Höhepunkt gelungen! Und wenn ein wenig von dem Geist hängenbleibt, der diesen Abend durchweht hat, dann gibt es für Ribery & Co. am Samstag wenig zu lachen (10.11., 15.30 Uhr: Bayern München – Eintracht Frankfurt)…

[Wer den Weg zum UEFA-Pokal-Sieg nochmals verfolgen möchte: hier eine 54-minütige Zusammenfassung!]