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Über Sinn oder Unsinn der FIFA KLUB-WM, die derzeit in Marokko ausgetragen wird, kann man sicher diskutieren. Der mächtige Fussballweltverband folgt mit diesem Wettbewerb seiner globalen Mission (der Kampf ums runde Leder findet nicht nur in Europa statt) und erschliesst sich weitere Vermarktungsmöglichkeiten. So weit, so gut. 

Allerdings hat sich die ARD über die Sportrechteagentur SportA die (wohl nicht billigen) Übertragungsrechte gesichert und überträgt die beiden Partien des FC Bayern München mitsamt Expertengeschwätz. Da komme ich ins Grübeln…

Warum fühlt sich eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt berufen, Gebührengelder für diese – sportlich gesehen – eher minderwertige Veranstaltung auszugeben? Mannschaften wie Al Ahly Kairo, Auckland City oder der Halbfinalgegner des FCB, Guangzhou Evergrande aus China, haben sich m. E. bisher nicht als internationale Top-Klubs aufgedrängt (in der Anmoderation der Übertragung am Dienstagabend wurde sogar die Floskel von „den besten Mannschaften der Welt“ bemüht). Dass die FIFA eine Reklameveranstaltung zur Geldvermehrung durchführt, ist eine Sache. Dass die ARD dies mitfinanziert, ist eine andere!

„Für die ARD ist es ein schöner Erfolg, dass wir live im Ersten den FC Bayern München bei der FIFA Klub-WM begleiten können“, so die Verlautbarung des ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky (und lässt die Katze damit aus dem Sack!). Also doch – Hofberichterstattung für den bayerischen Vorzeigeklub. Muss das sein?

Die FIFA lässt sich diese Showveranstaltung (der wir immerhin das Freistossmauer-abstandsmarkierungsspray und die endlos animierte Aufarbeitung der Torlinienkameraüberwachung verdanken) zum Jahresende vergolden durch Sponsoren und Vermarktungsrechte und wird wiederum dem deutschen Rekordmeister nach dem Finalspiel für die erfolgreiche Teilnahme ein nicht unerhebliches Sümmchen zahlen* – u. a. indirekt finanziert durch die Gebührengelder der ARD.

Darf man also behaupten, dass die ARD damit GEZ-Gelder in ein sowieso schon millionenschweres Sportunternehmen aus München steckt? Darf man dann vielleicht sogar – aufgrund des ausschliesslichen Geldflusses an die Isar – von Wettbewerbsverzerrung für die Bundesliga sprechen? Und schliesslich: Wie sehen Wirtschaftsjuristen diesen Fall?

* Ich habe leider nirgendwo Angaben über die Höhe der Vermarktungsrechte und die Preisgelder für die teilnehmenden Mannschaften gefunden. Weiss jemand mehr?

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Eigentlich sollte am Dienstagabend (27. August) der Fernseher nur nebenbei über den Verlauf den CL-Spiels PAOK Saloniki gegen FC Schalke 04 informieren – doch dann entpuppte sich das gesamte Abendprogramm des Senders ZDF mal wieder als Anschauungsunterricht für das Versagen der öffentlich-rechtlichen Sender.

20.25 – 23.00 Uhr: FUSSBALL-LIVE-ÜBERTRAGUNG AUS THESSALONIKI (Sportshow): Seit einem Jahr überträgt das ZDF die Spiele der UEFA Champions League und zahlt für die Übertragungsrechte pro Saison ca. 54 Millionen Euro [1], wofür der Sender mit Recht heftig kritisiert wurde. Die CL ist das Highend-Premium-Hochglanzprodukt der UEFA und wird uns verkauft mit Emotionen, Atmosphäre und packenden Flutlichtduellen der europäischen Spitzenmannschaften. Sehenswerter Fussball vom Feinsten also.

Natürlich konnte das ZDF nichts dafür, dass das Spiel der Schalker in Griechenland auf Anordnung des europäischen Fussballverbands vor leeren Rängen ausgetragen werden musste (‚Geisterspiel‘-Strafe für PAOK) und die Übertragung stimmungstechnisch an einen wochentags im Herbst bei Nieselregen ausgerichteten Freundschaftskick in untersten Ligen erinnerte. Doch beim Anblick des aufgrund der fehlenden Stadionbesucher bizarr wirkenden (von der UEFA vorgeschriebenen) Rituals mit Mannschaftsaufstellung und Hymne auf dem Rasen vor dem Anpfiff wurde einem schnell wieder bewusst, was die Champions League tatsächlich ist: eine durchorganisierte Marketingveranstaltung, um tolle TV-Bilder zu produzieren, die sehr viel Umsatz generieren.

Die Teams vor Anpfiff im leeren Stadion

Die Teams vor Anpfiff im leeren Stadion

In der Halbzeitpause: ZDF HEUTE JOURNAL (Nachrichtenshow): Mit der angemessenen Betroffenheit und ernster Stimme verkündet uns Claus Kleber, dass es wohl kein Zurück mehr gibt und Bomben und Marschflugkörper auf Syrien niedergehen werden. Ähnlich wurden uns u. a. schon die Kriege im Irak und Afghanistan angekündigt. Syrien ist übrigens das Land, von dem uns auch das heute journal in etwa so berichtet: „blutige Proteste gegen die Regierung“ (2011), „Assad-Regime zwingt das Land in einen Bürgerkrieg“ (2012), „unterschiedliche Rebellengruppen kämpfen gegen die Regierungseinheiten“ (2013).

Ich erwarte aufgrund der begrenzten Sendezeit der Nachrichtensendung keine detaillierte Berichterstattung, aber kann sich jemand erinnern, wann zur Primetime bei ARD oder ZDF ausführlich, differenziert und genau über Syrien (Ägypten, Libyen, etc.) berichtet wurde? Ich nicht.

23.00 – 24.00 Uhr – NEUES AUS DER ANSTALT (Comedyshow): Ach, meine ‚Anstalt‘ hat auch schon bessere Tage gesehen. Wo bis letztes Jahr der Bildungsbürger eine satirisch-sarkastisch-intelligente Bestätigung der eigenen kritischen Haltung erhielt (worüber man natürlich auch diskutieren kann), sorgen jetzt Blödelbarden wie Ingo Appelt, Monika Gruber oder Christian Springer für pseudopolitische Schenkelklopfer. Am 1. Oktober wird die Sendung in vorliegender Form letztmalig ausgestrahlt, die beiden Anchormen Priol und Barwasser widmen sich anschliessend anderen Projekten. Sollte man auf den Nachfolger gespannt sein?

00.00 – 00.30 Uhr – ILLNER INTENSIV (Unterhaltungsshow): Endlich Mitternacht, endlich die knallharte Auseinandersetzung mit Politikern. Knackige Fragen und konkrete Antworten zur besten Sendezeit! Vor der strengen Maybrit Illner zeigen die Herren Frank-Walter ‚wir-sind-dagegen-stimmen-aber-dafür‘ Steinmeier (SPD), Volker ‚es-wird-keinen-Schuldenschnitt-für-Griechenland-geben‘ Kauder (CDU) und Gregor ‚wir-machen-das-nicht-mit‘ Gysi (Die Linke) klare Kante und Profil zum Thema Eurokrise… (hüstel)

Man muss es mittlerweile als Verhöhnung des TV-Zuschauers betrachten, wenn zu diesem ernsten Thema die o. a. ‚ausgewiesenen Experten‘ ins Studio geladen und befragt werden und die Moderatorin nicht nachhakt, wenn die Parteienvertreter leere Sprechblasen in die Mikrofone aussondern. Einen Herrn Kauder, der die aktuelle deutsche Politik gegenüber den Schuldenstaaten mit den gängigen Klischees und Phrasen verteidigt, darf man in einem solchen Sendeformat durchaus damit konfrontieren, dass das übliche Modell der Austerität noch nie erfolgreich war (wie es uns leider Weltbank und IWF seit Jahrzehnten beweisen). Und man darf gerne einmal anmerken, dass sogar das theoretische Modell der Ökonomen keine absolute Gültigkeit mehr besitzt, weil dem gefeierten Vorreiter Professor Kenneth Rogoff bei seiner mathematischen Studie zu Staatsverschuldung und Wirtschaftswachstum Datenbank- und Formelfehler unterlaufen sind, wie dieser im Frühjahr diesen Jahres kleinlaut zugeben musste [2].

Wenn ARD und ZDF wissen wollen, wie man Politiker zum Schwitzen bringt und in die Mangel nimmt, sollten sie sich einmal das Format HARDtalk der BBC anschauen [3]!

Zusatzinfos:

[1] in den Medienberichten im April 2011 schwanken die Meldungen zwischen 50 bis 56 Millionen Euro

[2] „…Thomas Herndon, ein Doktorand der Universität Massachusetts, hatte sich die Daten von Rogoff und Reinhart noch einmal vorgenommen und kam zu anderen Ergebnissen. Laut seinen Berechnungen brach das Wirtschaftswachstum überhaupt nicht ein, wenn sich Staaten mit mehr als 90 Prozent des BIP verschuldeten. Er konnte zeigen, dass Rogoff und Reinhart einige Daten in ihrer Studie sehr merkwürdig gewichtet und einzelne Länder, die trotz hoher Schulden kräftig gewachsen waren, ausgeklammert hatten. Außerdem deckte Herndon einen peinlichen Fehler auf: Rogoff und Reinhart hatten eine Formel im Tabellenkalkulationsprogramm Excel falsch programmiert und deshalb wichtige Daten in ihren Rechnungen nicht berücksichtigt…“ (aus ‚Die Ökonomen-Seifenoper‘, Zeit Online vom 28. Mai 2013)

[3] Beispiel: HARDtalk-Interview mit Wolfgang Schäuble: „Greece default will not happen“ (Video)

'illner intensiv' mit Steinmeier, Kauder, Gysi (v.l.n.r.)

‚illner intensiv‘ mit Steinmeier, Kauder, Gysi (v.l.n.r.)

Lag es an Hurricane Sandy, den verbalen Tiefschlägen einiger republikanischer Kandidaten im zeitgleichen Wahlkampf für den Kongress („…eine Schwangerschaft nach Vergewaltigungen ist gottgewollt…“) oder trauten die Wähler dem schwerreichen Mitt Romney doch nicht zu, für alle US-Amerikaner einzustehen? Am Ende fällt der Wahlsieg für Barack Obama deutlicher aus, als es die Prognosen annehmen liessen.

Da die Mehrheitsverhältnisse im Senat und Repräsentantenhaus jedoch ebenfalls bestätigt wurden und den Republikanern dadurch weiterhin eine Blockadepolitik ermöglicht wird, kann auch die zweite Amtszeit des Präsidenten keinen grundsätzlichen Wandel herbeiführen. Entscheidend wird für die nächsten Jahre sein, ob sich das konservative Amerika vom Druck durch die Tea Party-Bewegung befreien kann und in den eigenen Reihen die Vernunft einzieht. Sonst steht zu befürchten, dass der Riss durch die US-amerikanische Gesellschaft immer tiefer wird, während das Land die anstehenden Aufgaben nicht bewältigen kann.

Am Bewältigen einer anderen Aufgabe scheiterte das ZDF in der vergangenen Nacht kläglich. Die Wahlsendung Unterhaltungsshow lieferte sinnfreie Informationen über eine Twittersäule, präsentierte eine an die Figur Alfons (der mit dem Puschelmikrofon) erinnernde Live-Schalte in ein nordamerikanisches Wahllokal als Beweis für die ordnungsgemässe Durchführung der Präsidentschaftswahl und zeigte mit der Aussenreporterin Dunja Hayali am New Yorker Times Square, dass mit limitierten Englischkenntnissen zwar Sendeminuten gefüllt, aber keine Interviews geführt werden können.

Die angekündigten „hochkarätigen Gesprächsrunden“ endeten jeweils bereits während der Vorstellung der Teilnehmer: ein Tusch unterbrach abrupt Moderatorin Bettina Schausten, die dann die neuesten Hochrechnungen* ankündigen durfte. Anschliessend wurde die Sendung dann fortgesetzt mit Live-Musik und den Berichten von Klaus Kleber aus der Washingtoner Kneipenszene. Dann durfte die nächste „hochkarätige Gesprächsrunde“ auf dem Sofa Platz nehmen…

Infotainment at it’s best.

* Hochrechnungen = Umfrageergebnisse an den Ausgängen der Wahllokale

vorläufiges Wahlergebnis (Quelle: EdisonResearch)

Im Juni wurde leider zum letzten Mal das von mir geliebte Nachtstudio ausgestrahlt – und auch das Philosophische Quartett wurde eingestellt. Da sich das ZDF jedoch keine intellektuelle Ausdünnung nachsagen lassen will, wird seit September mit einem neuen Sendeformat der Popstar der Philosophie aufgeboten: Richard David Precht präsentiert allmonatlich zur sonntäglichen späten Stunde die 45-minütige Sendung gleichen Namens: PRECHT.

Döpfner, Precht und Studiodesign

Schon die Wahl des Titels und das (eher seltsame) Ambiente verdeutlichen den Unterschied. Während im unprätentiösen Nachtstudio Moderator Volker Panzer zurückhaltend dem jeweiligen Thema und seinen Gästen Platz schuf, ist in der neuen Sendung der Namenspatron zugleich Star in der Manege. Da entsteht schnell der Eindruck, dass der geladene Gesprächsgast die Precht’schen Thesen nur noch zu reflektieren hat und das Highlight der Show nicht mehr aus Inhalt, sondern aus Precht besteht. Disco-Pop statt Südstaaten-Blues…

Die erste Sendung konnte jedoch gefallen: Richard D. Precht sprach mit dem Hirnforscher Gerald Hüther über das Bildungssystem. Da beide den gleichen Ansatz hatten, entwickelten sich in der gegenseitig befruchteten Diskussion interessante Gedanken, wie zukünftige Modelle gestaltet werden sollten, um unsere Gesellschaft weiter voranzubringen.

Am vergangenen Sonntag begrüsste Precht dann den Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, Dr. Mathias Döpfner. Die thematische Überschrift des Abends „Gefährliche Freiheit?“ bot genügend Spielraum, um mit dem Gesprächsgast die Sendezeit spannend zu nutzen, denn Döpfner spricht immer wieder davon, dass demokratische Gesellschaften nicht entschieden genug die Freiheit verteidigen und verantworten würden.

Leider lieferte die Sendung zusammengefasst nur Platitüden und Allgemeinheiten. Wo Döpfner eine Vorlage bot, liess Precht sie ungenutzt. Der Moderator suchte bemüht nach Kontroversen und merkte nicht, wenn er seitens Döpfner dennoch Zustimmung bekam. Seinem Gesprächsgast fiel er das eine oder andere Mal ins Wort und rückte monologisierend seine eigenen Thesen in’s Licht. Aus Selbstgefälligkeit? Wenn sich dann doch die Chance zur inhaltlichen Auseinandersetzung auftat, überging Precht dies. So beispielsweise, als er Döpfner hätte fragen können, wie dieser den Gefahren von Intoleranz und Fundamentalismus in unserer Gesellschaft begegnen würde oder als sich der Studiogast hinsichtlich des ausufernden Finanzkapitalismus lediglich auf die Hoffnung beschränkte, die Leistungs- und Verantwortungseliten würden sich selbst durch einen Erkenntnisprozess zurücknehmen und regulieren. Auch diese Aussage blieb unkommentiert im Raum stehen.

Angesichts Herrn Döpfners Vita wäre es angebracht gewesen, auch über die Rolle der Medien zu sprechen. Die für das Hauptthema sowieso zu knappe Sendezeit gab diesem Diskussionsstrang leider keinen Raum.

Den kommenden Folgen der Sendung würde es nicht schaden, wenn Richard David Precht nicht sich und einen populären Gast in den Vordergrund rückt, sondern den Schwerpunkt in der Auseinandersetzung mit dem Thema sucht. Er sollte es eigentlich besser können – sonst gibt es wieder nur Schnellkoch-Philosophie aus der Instanttüte, statt vom Wochenmarkt…

Ein etwas ungewöhnliches und witziges Projekt präsentiert die ARD derzeit auf ihren Videotextseiten. Noch bis 16. September 2012 läuft auf ARD-Text das INTERNATIONALE TELETEXT-KUNSTFESTIVAL! Künstlerinnen und Künstler aus verschiedenen Ländern gestalten unter Einhaltung der Teletext-Standards Bilder und Wortbildcollagen. Die an frühe Computergrafiken und -spiele erinnernden Werke sind ab Teletext-Seite 770 zu finden. Einfach mal reinschauen!

Vorab drei Auszüge der Präsentationen (Bilder zum Vergrössern anklicken):

Amelie (von Rich Oglesby)

Teletext Love (von Frederik Olsson aka BYM)

Gerüchte und Lügen / Pinocchio-Kuckuck-Mashup (von Kari Yli-Annala)

Wer den gestrigen ARD-Polittalk „hart aber fair“ mitverfolgt hat, bekam wieder einmal ein Beispiel für den Verfall von Diskussionskultur und Informationspolitik im deutschen Fernsehen zu sehen. Bereits mit dem anspruchsvollen Thema des Abends (Titel der Sendung: „Besser wegschauen und stillhalten – darf uns Syrien so egal sein?“) verhoben sich die Macher der Sendung und die Liste der eingeladenen Gesprächspartner liess erahnen, dass sich die Redaktion an einem Scriptmodell orientierte, das anscheinend derzeit in Mode ist: Sympathischer, aber nicht ernstzunehmender Kritiker gegen eine Übermacht der Meinungshoheit.

Am Thema verhoben hat sich „hart aber fair“ deshalb, weil die Fragestellung, ob sich die restliche Welt für die aktuelle Situation Syriens interessieren sollte, keinen 75-minütigen Sendeplatz erfordert und innerhalb fünf Minuten hätte beantwortet werden können. Die Frage nach dem „weshalb?“ wäre da schon weitaus zeitraubender gewesen.

Der ursprünglichen Fragestellung widmete sich die Sendung jedoch nur in der ersten Fragerunde. Dann lief sie darauf hinaus, wie die Vorgänge in Syrien bewertet werden sollten, resp. was dort überhaupt geschieht. An diesem Punkt hätte „hart aber fair“ durchaus interessant und informativ werden können – dies war jedoch gar nicht beabsichtigt: Das Ziel der ‚Show‘ war augenscheinlich, auf unterhaltsame und vorgespielt seriöse Weise den Publizisten Jürgen Todenhöfer vorzuführen.

Todenhöfer, CDU-Mitglied und engagierter Nahost-Experte, tat sich schon in der Vergangenheit durch eine sehr kritische Haltung zur Rolle des Westens in Afghanistan, im Irak und Libyen hervor. Auch im Falle Syriens warnt er vor einer allzu einseitigen Bewertung der Lage. Seit November 2011 bereiste er mehrmals den Mittelmeerstaat und sprach mit Menschen verschiedenster Fraktionen. Aufgrund seiner Eindrücke plädiert Todenhöfer seitdem dafür, dass – um eine Ausweitung des Bürgerkrieges zu verhindern – dringendst internationale Verhandlungen mit Präsident Assad aufgenommen werden sollten. Er bestätigt die von einzelnen Seiten veröffentlichten Beobachtungen, dass nicht alleine Assads Truppen eine friedlich demonstrierende Bevölkerung zusammenschiessen, sondern auf Seiten der Aufständischen unterschiedliche Interessen verfolgt werden und ebenso Gräueltaten auch an der syrischen Zivilbevölkerung begangen werden (wie Human Rights Watch im aktuellen Report bestätigt).

Im Rahmen seiner Reisen bekam er jetzt die Gelegenheit, ein Interview mit dem syrischen Präsidenten zu führen, dass die Medienwelt zum Anlass nahm, Todenhöfer als Naivling und publizistische Marionette in den Händen des syrischen Diktators darzustellen.

Nun hätte man als verantwortungsbewusste Medienanstalt Jürgen Todenhöfers Mahnungen anhören und mit entsprechend kompetenten Gesprächspartnern eine Diskussion über seine Erfahrungen eröffnen können. Doch das plakative, populistische Konzept der Sendung liess dies nicht zu. Stattdessen wurden Studiogäste eingeladen, deren Motivation von vornherein darin bestand, den Kritiker zum Schweigen zu bringen…

Jörg Armbruster (in Kairo lebender ARD-Korrespondent) fungierte als Sprachrohr der öffentlich-rechtlichen Nachrichten- und Meinungsmacher und verteidigte die allgemein verbreitete Linie seines Arbeitgebers. Claudia Roth vom Bündnis 90 / Die Grünen gefiel sich zum wiederholten Mal in einer nervigen, teils ahnungslosen, teils arroganten Rolle (vom Sender vorgesehen: die Krachnudel). Dem in Berlin lebenden Syrer Ferhad Ahma gestatten wir bedingt die einseitige Sichtweise – er muss durch familiäre und freundschaftliche Kontakte das Geschehen in Syrien auch emotional erleben. Allerdings hätte sich das Mitglied des syrischen Exil-Nationalrates eine Frage des Moderators Frank Plasbergs gefallen lassen müssen (die leider ausblieb): Welche Ziele – abgesehen von der Absetzung Assads – verfolgen eigentlich die Aufständischen, die Rebellen, die Demonstranten, die Oppositionellen?

Last but not least war der ehemalige israelische Botschafter Avi Primor in der Rolle des Elder Stateman eingeladen. Mehr als kurze Äusserungen über russische Interessen in Syrien und die Gefahren für die ganze Nahost-Region hatte er allerdings nicht beizutragen. Dabei hätte er dem TV-Zuschauer sicherlich einiges über die Waffenlieferungen Saudi-Arabiens und Katars an syrische Rebellen erzählen können und darüber, warum sich die westliche Welt so sträubt, den Iran in lösungsorientierte Gespräche einzubeziehen.

Schade. Wieder einmal wurde ein ernstes Thema medial geopfert, um eine Unterhaltungssendung zu produzieren. Eine seriöse Diskussion über Syrien wurde seitens der ARD-Redaktion vermieden – die öffentlichen Meinungsbildner haben einen erneuten Punktesieg eingefahren!

[Anmerkung – ich empfehle jedem Interessierten gerne einen sehr informativen Artikel, der den beabsichtigt begrenzten Fokus unserer Medien auf die Situation in Syrien aufzeigt: „Syrien – die andere Wahrheit“ vom 25. April 2011 (sic!) auf dem Blog HINTER DER FICHTE.]

Leider ist es mittlerweile Normalität, dass die wirklich interessanten Sendungen und Reportagen bei den öffentlich-rechtlichen Sendern erst zu später Stunde ausgestrahlt werden. Die Primetime wird freigehalten für Volksmusik, Christine Neubauer und Pilcher-Verfilmungen (wieviele Romane gibt es da eigentlich?) und die Intendanten erklären uns in steter Regel-mässigkeit, dass sich ‚der Zuschauer‘ das so wünscht. Eine Diskussion darüber wird an anderer Stelle geführt – heute wollen wir aus aktuellem Anlass den Blick auf ein spezielles Thema werfen.

Seit 15 Jahren zeigte uns das ZDF allwöchentlich in der Nacht von Sonntag auf Montag die Gesprächsrunde NACHTSTUDIO mit dem unprätentiösen Moderator Volker Panzer. Doch jetzt ist Schluss: Heute Nacht wird dieses Kleinod des deutschen Fernsehens ein letztes Mal gesendet, Panzer geht in den Ruhestand, ein Nachfolger wird nicht gesucht.

Ich habe die Sendungen immer sehr gerne gesehen (meistens – aufgrund der späten Sendezeit – am Folgetag via ZDF-Mediathek). Volker Panzer diskutierte mit seinen Gästen aus Kunst- und Kultur-betrieb, der Wissenschaft oder Philosophie gesellschaftsrelevante Fragen. Ob China, das Internet, die Religionen oder Umweltthemen… Aktuelles und Disziplinenübergreifendes wurde im Schein des künstlichen Kaminfeuers detailliert besprochen. Dabei gefiel mir die im Gegensatz zu heutigen Talkshows inhaltsreiche und angenehme Gesprächsführung. Man lässt sich ausreden, hört sich gegenseitig zu und geht auf die Argumente des Gegenüber ein. Bewusster Verzicht auf Einspieler, klatschendes Studiopublikum und sinnentleerte Zuschauerchats. Und dazu Moderator Panzer, der mit herrlich kindlicher Neugier, einer Prise Naivität und ungespieltem Interesse an den Antworten seiner Gesprächsteilnehmer die richtigen Fragen stellte, ohne jemals kokettierend banal zu wirken oder in Selbstdarstellung zu verfallen.

Das ZDF verzichtet zukünftig auf eine weitere Perle in der Fernsehlandschaft. Schade.

Das letzte NACHTSTUDIO mit Volker Panzer: Heute, 0:20 Uhr im ZDF (und im Anschluss ab 01.20 Uhr: ‚Der Kult im Kasten‘ – das Beste aus 15 Jahren)!

‚Nachtstudio‘ mit TV-Kamin, Volker Panzer (2. v. l.) und Gästen

[Nachtrag: Es war eine wunderbare letzte Sendung (Thema ‚Wieviel Kultur braucht der Mensch heute?‘) mit den Autoren Cora Stephan und Hanns-Josef Ortheil, dem Historiker und Journalisten Johannes Wilms und den Sing- & Songwritern Dota Kehr, Hannes Wader und Konstantin Wecker. Ausnahmsweise auch mal mit musikalischen Live-Beiträgen (zum Abschluss Waders Heute hier, morgen dort). Danke für 15 Jahre NACHTSTUDIO!]