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4.000. Mindestens. Soviele Postings hagelten auf das Eintracht-Forum herab. Und annähernd jeden einzelnen Kommentar zu den Vorkommnissen am vergangenen Samstag in Leverkusen habe ich in meinen freien Minuten durchgelesen. Die Stellungnahmen der FuFA (Fussball-Fanabteilung der Eintracht), der Ultras Frankfurt, des Nordwestkurven-Rates und des Fansprechergremiums. Die Reaktionen darauf. Die Diskussionen über mögliche Sanktionen. Der Frustabbau im „Spieltags“– und im „Die Bengalo-Zündler in unserem Block kotzen mich an“-Thread. Dazu Blogs, Presseartikel und Gespräche im Freundeskreis. Eine Menge Stoff für lange Winterabende…

Abgesehen davon, dass es diesbezüglich noch eine Menge zu klären gibt, ist es ärgerlich, dass dieses Thema so viel Positives überschattet. Daher – innehalten, ausatmen und den Blick auf Dinge rund um den Fussball richten, die für mich einen Teil der Faszination ausmachen.

Am Mittwoch wurden sie feierlich präsentiert: die ‚Säulen der Eintracht‘! Gemeinsam mit der Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main wurden die Fans zur Wahl aufgerufen, welche Spieler aus der Geschichte des Vereins die Stützpfeiler der U-Bahnstation Willy-Brandt-Platz zieren sollten. Das Ergebnis zeigt Euch Beve in seinem Blog: Link zur Fotogalerie! Über das Ergebnis der Abstimmung lässt sich natürlich diskutieren (ich hätte beispielsweise auch gerne Don Alfredo und Dr. Hammer in dieser Form gewürdigt), doch das Wahlmedium Internet und die Begrenzung auf die zwölf zur Verfügung stehenden Pfeiler können nicht jedem gerecht werden. Immerhin… auch der leider schon verstorbene ehemalige Eintracht-Trainer Jörg Berger („…der hätte auch die Titanic gerettet!“) bekam das Votum der Anhänger.

Da zur Einweihung einige der gewählten Spieler nach Frankfurt geladen wurden, nutzten die Macher des Eintracht-Museums um Matthias Thoma sofort die Gunst der Stunde und baten gestern Abend zwei der herausragenden ‚Säulen‘ zum exklusiven Gespräch über ihre Zeit im Stadtwald – das Podium betraten Anthony Yeboah und Bum-Kun Cha!

Das Publikum (aufgrund des zu erwartenden Andrangs war man in das Foyer des Stadion-Business-Bereichs umgezogen) tobte. Ich war sicher nicht der Einzige, der bei den stehenden Ovationen angesichts strahlender Erinnerungen kleine Freudentränen verdrückte. Dann übernahm Moderator Axel ‚Beve‘ Hoffmann die Leitung des Abends und die Show…

…wäre beinahe zu einem zähen Abend geworden: Frau Park, die koreanische Dolmetscherin für Bum-Kun Cha, war angesichts der wohl unerwarteten Menschenmassen und der frenetischen Stimmung im Saal nervöser als alle anderen Anwesenden zusammen und brachte kein Wort mehr heraus. Doch aus der ersten Reihe stürmte Chas Ehefrau mit dem poetischen Namen Oh Un Mi (‚Silberne Schönheit‘) die Bühne, schnappte sich das Mikrofon und übernahm für den Rest des Abends die Übersetzung in einer derart mitreissenden und unterhaltsamen Form, dass wir nachträglich – ich bitte um Verzeihung, werte Frau Park – über Frau Parks dem Lampenfieber geschuldeten Black-out dankbar sein konnten.

So kommentierte die silberne Schönheit einen von Bum-Kun Cha mit viel Kichern vorgetragenen längeren koreanischen Monolog, der irgendetwas mit deutschem Essen zu tun hatte und den natürlich keiner der Anwesenden verstehen konnte, mit den Worten: „Das hat mein Mann von Reiner Calmund… der redet auch ohne Punkt und Komma!“. Und bei der Erläuterung von Chas Namen (bedeutet übersetzt Tiger-Wurzel Auto) fügte sie hinzu: „Alle männlichen koreanischen Vornamen sollen Kraft vermitteln… und wenn es nicht so läuft, wird der Name einfach geändert“.

Bum-Kun Cha, einer der allerersten Asiaten in einer europäischen Liga. So wie ich ihn als Fussballer in Erinnerung habe, wirkte er auch gestern Abend. Ein feiner, hochanständiger Mensch. Aber dass er sich nicht mehr an die damaligen mannschaftsinternen Schnapszechereien in der Erlenbacher Kneipe erinnern konnte, die Axel Hoffmann investigativ aufdeckte, war wohl der Anwesenheit seiner Gattin geschuldet…

Anthony ‚Toni‘ Yeboah würde ich glauben, dass er einfach ein Trikot überzieht und zu alter Form auflaufen kann – die zwanzig Jahre sind scheinbar spurlos an ihm vorübergegangen. Vorab bedankte er sich gerührt für den tollen Empfang an diesem Abend – etwas in dieser Art hätte er auf all seinen Stationen im Fussball nie erlebt! Ich kauf’s ihm ab – wo sonst gibt es den Fanclub DIE ZEUGEN YEBOAHS? Einer der ‚Jünger‘ kam als Überraschungsgast auf die Bühne und präsentierte zu aller Erstaunen sein Rückentattoo: „Eintracht Frankfurt – 9 – Anthony Yeboah“!

Anthonys Erinnerungen an die alte Heimat Riederwald? „Auslaufen“. Und was meint er zu den Beschimpfungen, die er als farbiger Spieler damals ertragen musste? „Die haben sich halt geärgert, weil ich so gut war, aber nach dem Spiel wollten sie alle ein Autogramm von mir“.

Und dann, am Ende des Abends, kommt von dem wie immer erfrischenden Moderator Hoffmann endlich die ersehnte Mutter aller Fragen*: „Anthony, wie siehst Du das heute mit Heynckes, der damaligen Suspendierung und dem Ende Deiner Frankfurter Karriere 1995?“

Stille im Saal. Kein Kameraklicken ist mehr zu hören. Fünfhundert Eintrachtfans halten kollektiv den Atem an. Anthony nimmt das Mikrofon… schaut zu uns… schaut uns länger an… und sagt: „Ich wollte nicht gehen. Aber dann ging es nicht anders.“

Fussballer können so wunderbar diplomatisch sein!

* Zugegeben: die Über-Mutter aller Fragen lautet immer noch: Wo sind die Detari-Millionen?

Mehr über den gestrigen Abend auch bei stadtkindffm: Ein Abend im Museum

[Link zum Blogartikel über den Museumsabend mit Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein im November 2012]

Wie erklärt man einer jüngeren Generation das Gefühl, das unsereins befällt, wenn wir die Namen Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein hören. Wie beschreibt man, dass diese beiden Spieler für eine grosse Zeit der Eintracht Frankfurt stehen, an die wir sehnsüchtig zurückdenken…

Als die beiden verdienten Spieler anlässlich des fünften Geburtstags des Eintracht Frankfurt-Museums am Donnerstagabend das Podium betraten, erhoben sich die anwesenden Besucher respektvoll und spendeten langanhaltenden Applaus. Als dieser verklungen war, eröffnete Moderator Axel ‚Beve‘ Hoffmann das Gespräch mit dem sinnbildlichen Ausspruch: „Ich weiss gar nicht, womit wir zuerst anfangen sollen“.

Und damit hat er Recht. Die Karrieren der beiden Fussballer, die Mitte der sechziger Jahre erstmalig das Adler-Trikot überstreiften und dann über fünfzehn Jahre die Geschichte der Eintracht prägten, sind prallgefüllt mit Erlebnissen, für deren Schilderung der Abend im Museum bei weitem nicht gereicht hätte. Alleine die bekanntesten Höhepunkte ihrer sportlichen Laufbahn (zwei DFB-Pokalsiege in den glorreichen siebziger Jahren, Weltmeister 1974 mit der deutschen Nationalmannschaft und der furiose UEFA-Cup-Sieg 1980) können ganze Bücher füllen!

Bernd Hölzenbein, Axel Hoffmann und Jürgen Grabowski (v.l.n.r.)

Und so plauderten der ‚Grabi‘ und der ‚Holz‘ gutgelaunt über ihre Anfänge bei der Eintracht, über ihre Trainer und WM-Teilnahmen, über Mannschaftskollegen und ihren heutigen Alltag, während das Publikum andächtig lauschte und der eine oder andere der Anwesenden einen dicken Klops der Rührung hinunterschlucken musste. Denn Grabowski und Hölzenbein repräsentieren nicht nur eine glanzvolle Ära der Eintracht Frankfurt, als die launische Diva vom Main mit technisch wunderschönem Fussball jeden Gegner der Welt schlagen konnte, um am darauffolgenden Wochenende gegen den Tabellenletzten zu verlieren. Eine Zeit, als Franz Beckenbauer lieber die Punkte per Postkarte nach Frankfurt senden wollte, als mit seinen Kollegen vom FC Bayern München im Waldstadion unterzugehen.

Die beiden Spieler, die auf dem Podium Anekdoten erzählten, waren für viele von uns Vorbilder, als wir selbst begannen, auf den Bolzplätzen und in den Vereinen dem Ball hinterherzujagen. Tolle Fussballer, bescheidene Menschen. Und sie stehen auch für eine Zeit im Fussball, die so nie mehr zurückkehren wird: Trikotwerbung war bei Europapokalspielen nicht zugelassen, Schienbeinschützer waren noch keine Pflicht und die dritten Programme übertrugen live und ohne von Werbeblocks umrahmte Expertenrunden um 17 Uhr die UEFA-Cup-Partien in der osteuropäischen Fremde! Spieler blieben ‚ihr ganzes Leben‘ bei einem Verein (O-Ton Grabowski: „Warum hätten zum Beispiel Overrath oder Flohe Köln verlassen sollen?“), ein Schiedsrichter kassierte eine Sperre wegen Spielerbeleidigung und die Trainingslager wurden im Taunus abgehalten, statt in der arabischen Wüste. Heute ist das anders…

Mit der Veranstaltung „Tradition zum Anfassen – Grabi und Holz“ ist dem Eintracht Frankfurt-Museum erneut ein Höhepunkt gelungen! Und wenn ein wenig von dem Geist hängenbleibt, der diesen Abend durchweht hat, dann gibt es für Ribery & Co. am Samstag wenig zu lachen (10.11., 15.30 Uhr: Bayern München – Eintracht Frankfurt)…

[Wer den Weg zum UEFA-Pokal-Sieg nochmals verfolgen möchte: hier eine 54-minütige Zusammenfassung!]

Dienstagabend, draussen im Stadtwald – in der 28. Spielminute jagt der Dortmunder Reus den Ball per Direktabnahme unhaltbar für Kevin Trapp ins Eck, nachdem schon drei Minuten davor ein unglücklich abgefälschter Ball den Frankfurter Torwart auf dem falschen Fuss erwischte. Spielstand 0:2. Neben mir meint jemand: „Auweia, jetzt gibt’s ’ne Klatsche für uns“.

Zur Faszination beim Fussball gehört, dass für den Fan nicht nur Siege für emotionale Höhepunkte sorgen, sondern auch die Niederlagen. Wir Frankfurter denken voller Melancholie an das Jahr 1992, als in Rostock die Meisterschaft verpasst wurde und erinnern uns, wie wir starr vor Schreck den grausamen Abstieg in der Rückrunde 2010/11 verfolgen mussten. Schalke-Fans haben das ‚Meister der Herzen‘-Trauma, die Bayern die Championsleague-Niederlage gegen ManU von 1999 im Gedächtnis. Solche Erlebnisse prägen den Fan und binden uns noch enger an den Verein.

Und dann gibt es diese anderen Momente wie am gestrigen Abend, die ebenfalls das Faszinosum Fussball ausmachen: das Gefühl, an etwas ganz Besonderem teilzuhaben. Ein einmaliges Spiel. Das Wir-Gefühl. Stolz, Anerkennung und Liebe. Und vielleicht sogar der Beginn einer neuen Ära…

Nach einem unglaublichen Start in die neue Saison empfängt Eintracht Frankfurt nach vier Siegen den amtierenden Deutschen Meister Borussia Dortmund. Dienstagabend, volles Haus, Flutlichtspiel. Die Eintracht kann mit breiter Brust auftreten und hat nichts zu verlieren: nach den bisherigen erfolgreichen Auftritten der Mannschaft würde jeder eine Niederlage gegen den BVB akzeptieren. Dann lieber am nächsten Sonntag Freiburg schlagen… wir spielen um den Klassenerhalt!

Zur Pause steht es also 0:2. Mario Götze, der für den angeschlagenen Reus kommt, läuft sich auf dem Rasen warm. Mit Grosskreutz und Gündogan werden die Dortmunder im Laufe der zweiten Halbzeit noch weitere Nationalspieler einwechseln, während wir erstaunt verfolgen, wie unser ‚2. Liga-Kader‘ das Spiel nach Wiederanpfiff aufnimmt. Balleroberung, Tempo, Druck nach vorne. Erst Aigner, dann Inui. Plötzlich steht es 2:2 und es sind noch vierzig Minuten zu spielen. Das Waldstadion bebt!

Als kurz darauf ausgerechnet Götze wiederum den BVB in Führung bringt, dauert das Entsetzen auf den Rängen nur wenige Sekunden. Denn alle spüren, dass da unten auf dem Rasen noch etwas passieren wird. Dass die Jungs im Eintrachttrikot nicht die Köpfe hängen lassen. Dass da eine andere Mannschaft auf dem Feld steht – nicht zu vergleichen mit dem, was wir in den vergangenen Jahren alles erlebt haben.

Und so kommt es. Die Jungs stürmen weiter, bringen den BVB ständig in Bedrängnis. Und in der 73. Spielminute gibt es kein Halten mehr: Anderson köpft Oczipkas Flanke ins Dortmunder Tor. Ausgleich. 3:3!

Bambas Treffer symbolisiert die Eintracht dieser Tage: mit dem festen Willen, diesen Kopfball Richtung Tor zu bringen, tankt sich unser Innenverteidiger der Flanke entgegen und wuchtet aus vollem Lauf den Ball ins Netz. Keine Abwehr kann einer solchen Energieleistung etwas entgegensetzen.

Dienstagabend, 22 Uhr. Tabellenzweiter, weiterhin fünf Punkte Vorsprung vor Dortmund. Bisher ungeschlagen in dieser noch jungen Saison (Aue? Wo liegt Aue? Ich kenne dieses Aue nicht!). Und ein Spiel einer Mannschaft, die an sich glaubt, die den Spass am Fussball vermittelt, neunzig Minuten kämpft und für Furore sorgt. Der Ausblick auf die nächsten zwei Gegner (Freiburg und Gladbach) und das verschmitzte Lächeln meines Nebenmannes, weil auch er insgeheim an sechs weitere Punkte denkt.

Ein schönes Gefühl. Hat etwas von Entschädigung für lange, triste Jahre. Wiedergutmachung für den blamablen Abstieg. Ein Streicheln der Fanseele.

Herrlich, diese Vorfreude auf kommenden Sonntag! Da geht es ja wieder nur um den Klassenerhalt…

Links: Gänsehaut-Festspiele (Spielbericht auf 11freunde.de)